In den 1980er und frühen 1990er Jahren gab es in Deutschland einen Vermögenshype, über den heute kaum noch jemand spricht: Orientteppiche. Handgeknüpft, aus Wolle oder Seide, angeblich unverwüstlich im Wert. 1992 wurden erstmals mehr als zehn Millionen Quadratmeter dieser Ware nach Deutschland eingeführt, doppelt so viel wie sechs Jahre zuvor. 1,4 Milliarden D-Mark gaben Konsumenten dafür aus.
Hamburg war einst der weltgrößte Umschlagplatz. In der Speicherstadt residierten noch in den 1990er Jahren rund 500 Großhändler. Heute sind es nur noch eine Handvoll.
Damals lautete das Versprechen:
Verliert nie an Wert.
Kann nur sehr aufwendig hergestellt werden.
Ist fälschungssicher.
Ist eine Investition.
Kommt dir das bekannt vor?
Vom Kultobjekt zur Ramschware
In den 1980ern galt ein handgeknüpfter Teppich als Statussymbol und Vermögensanlage zugleich. Im Türkeiurlaub feilschte man mit dem Händler, fühlte sich clever, wenn man „das Schnäppchen des Lebens“ gemacht hatte, und erzählte zu Hause stolz vom Deal.
Das Narrativ war stark: begrenztes Angebot, echte Handarbeit, kultureller Wert, kein industrielles Massenprodukt. Genau diese Story trieb die Preise.
Heute bekommt man handgeknüpfte Teppiche teilweise für unter 100 Euro bei Kleinanzeigen.de. Stücke, die einst ein kleines Vermögen gekostet haben, wechseln für einen Bruchteil den Besitzer. Der Markt ist kollabiert, der Hype verflogen, die Händler verschwunden.
Was blieb, sind schöne Teppiche. Aber kein Vermögenswunder.
Parallelen zum Bitcoin Hype
Erinnert das an etwas?
Bitcoin wird ebenfalls mit Eigenschaften beworben, die man früher Teppichen zuschrieb: begrenztes Angebot, aufwendig herzustellen, fälschungssicher, Wertaufbewahrungsmittel, Inflationsschutz, Investition für die Ewigkeit.
Ich bin bei Bitcoin hin und hergerissen. Grundsätzlich eher optimistisch, weil die Technologie real ist und die Knappheit mathematisch definiert. Gleichzeitig bleibt bei mir eine Grundskepsis gegenüber jedem Hype, egal welcher Art.
Denn Hypes folgen immer demselben Muster:
Knappheit wird erzählt.
Wert wird behauptet.
Preise steigen.
Neue Käufer springen auf.
Die Story verstärkt sich selbst.
Bis sie es nicht mehr tut.
Der entscheidende Unterschied
Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Orientteppich und Bitcoin.
Ein Teppich braucht Platz, Pflege, einen Käufer, der genau diesen Stil mag. Er ist physisch, schwer zu handeln, schwer zu lagern, schwer zu bewerten.
Bitcoin ist digital, global handelbar, jederzeit liquide. Er lässt sich in Sekunden transferieren, weltweit vergleichen, transparent nachvollziehen.
Und ja, ein Teppich hat gegenüber einem Bitcoin noch einen Vorteil: Man kann ihn sich wenigstens ins Wohnzimmer legen ;-).
Skepsis ist kein Widerspruch zu Investment
Ich bin investiert. Nicht all in, nicht blind, aber beteiligt. Nach den Rücksetzern der letzten Monate stellt sich wieder die große Frage: War es nur eine Korrektur im langfristigen Aufwärtstrend oder ein Vorbote eines größeren Zyklusendes?
Geschichte zeigt, dass nicht jede knappe Ware automatisch dauerhaft wertvoll bleibt. Knappheit allein reicht nicht. Entscheidend ist, ob die Nachfrage strukturell bestehen bleibt.
Der Teppich hatte seinen kulturellen Moment.
Bitcoin könnte mehr sein.
Oder auch nicht.
Fazit
Vielleicht ist Bitcoin das digitale Gold unserer Zeit.
Vielleicht ist er der Orientteppich der 1980er Jahre.
Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.
Was klar ist: Hypes kommen und gehen. Märkte übertreiben nach oben wie nach unten. Wer investiert, sollte sich nicht nur von der Story tragen lassen, sondern auch die Zyklen aushalten können.
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