Februar 2

Wer den Staat finanziert und wer von ihm lebt – die unbequemen Fakten

Die Debatte über soziale Gerechtigkeit wird in Deutschland meist emotional geführt. Zu wenig Fokus auf Zahlen, zu viel auf Schlagworte. Nun liefert eine neue Auswertung des Institut der deutschen Wirtschaft frischen Zündstoff. Laut einem Bericht der Bild am Sonntag zeigen die Berechnungen: Geringverdiener und sozial Schwache erhalten über ihr gesamtes Leben hinweg im Schnitt Hunderttausende Euro mehr an staatlichen Leistungen, als sie selbst an Steuern und Sozialabgaben einzahlen.

Konkret geht es um beeindruckende Dimensionen. Menschen im ärmsten Viertel der Bevölkerung beziehen demnach durchschnittlich 1,08 Millionen Euro an öffentlichen Leistungen. Dazu zählen Rentenzahlungen ebenso wie Gesundheits- und Pflegekosten, Wohngeld, Bürgergeld, Bildungsausgaben oder andere Transfers. Auf der Gegenseite stehen durchschnittliche Einzahlungen in Höhe von rund 300.000 Euro.

Ganz anders sieht es am oberen Ende der Einkommensskala aus. Wer zum reichsten Viertel gehört, zahlt laut Studie über das Leben hinweg rund zwei Millionen Euro an Steuern und Sozialabgaben, erhält jedoch lediglich etwa 720.000 Euro an staatlichen Leistungen zurück.

Hohe Transfers kein Zufall sondern System

Für den IW-Sozialexperten Martin Beznoska sind diese Ergebnisse kein Skandal, sondern Ausdruck eines bewusst konstruierten Modells. Deutschland habe einen „hohen Grad an Umverteilung im Steuer- und Sozialsystem“. Menschen mit wenig oder keinem Einkommen profitierten in starkem Maße von staatlichen Leistungen.

Sein Urteil fällt bemerkenswert nüchtern aus. Der Sozialstaat sei im Grundsatz gerecht. Er helfe den Schwachen, belaste die Starken aber bereits erheblich. Für zusätzliche Umverteilung sieht Beznoska deshalb wenig Spielraum.

Das ist politisch heikel, denn genau dort verläuft eine der großen Konfliktlinien unserer Zeit. Soll der Staat weiter umverteilen oder stärker darauf setzen, Menschen in Arbeit zu bringen und Eigenständigkeit zu ermöglichen.

Der Kern der Studie Arbeit statt Dauertransfers

Aus Sicht des IW ist die Richtung klar. Ziel des Sozialstaats müsse es sein, möglichst viele Menschen in die Lage zu versetzen, vom eigenen Einkommen leben zu können. Entscheidend seien dafür ein leistungsfähiges Bildungssystem und stärkere Arbeitsanreize im Steuer- und Transfersystem.

Beznoska begrüßt in diesem Zusammenhang die jüngsten Vorschläge der Sozialstaat-Kommission. Diese zielten darauf ab, den Sozialstaat langfristig finanzierbar zu halten und zugleich Aufstieg zu erleichtern. Mehr Qualifikation, weniger Verfestigung von Abhängigkeiten, klarere finanzielle Vorteile durch Erwerbsarbeit.

Eine unbequeme Wahrheit für beide Seiten

Die Zahlen stellen gleich zwei populäre Narrative infrage.

Erstens die Vorstellung, der deutsche Sozialstaat lasse seine Schwächsten im Stich. Die Transfersummen sprechen eine andere Sprache.

Zweitens aber auch die Idee, dass Umverteilung praktisch grenzenlos ausgedehnt werden könne, ohne die Belastung der Leistungsträger weiter zu verschärfen. Wer im oberen Einkommensviertel lebt, finanziert bereits heute einen erheblichen Teil des Systems.

Die eigentliche Frage lautet damit nicht mehr, ob Deutschland stark umverteilt. Das tut es offensichtlich. Die Frage lautet, wie nachhaltig dieses Modell ist, wenn die Bevölkerung altert, Fachkräfte fehlen und der Staatshaushalt unter Druck steht.

Fazit

Die IW-Berechnungen zeichnen ein klares Bild. Deutschlands Sozialstaat ist großzügig, stark umverteilend und international ungewöhnlich umfangreich. Menschen mit niedrigen Einkommen profitieren massiv, während Besserverdienende deutlich mehr einzahlen als sie zurückbekommen.

Politisch ist das Sprengstoff.

Wer über Reformen diskutiert, sollte deshalb weniger mit moralischen Reflexen argumentieren und mehr mit langfristigen Wirkungen. Bildung, Arbeitsanreize und Aufstiegschancen entscheiden darüber, ob der Sozialstaat eine Brücke bleibt oder zur Dauerparkzone wird.

Oder zugespitzt formuliert: Umverteilung ist kein Selbstzweck. Sie funktioniert nur dann dauerhaft, wenn genügend Menschen auf der Einzahlerseite stehen.

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