September 6

Deutschlands Wohlstand hängt an 0,2 Prozent der Unternehmen

Ich bin über eine Zahl gestolpert, die ziemlich gut erklärt, warum wir in Deutschland seit Jahren über Wachstumsschwäche diskutieren.

0,2 Prozent.

So klein ist der Anteil der Unternehmen, die in einer neuen McKinsey-Analyse fast die Hälfte des Produktivitätswachstums der untersuchten Firmen erzeugt haben.

McKinsey hat sich dafür 16.200 deutsche Unternehmen angesehen. Zusammen stehen sie für rund ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Das Ergebnis: Gerade einmal 29 Unternehmen haben zwischen 2019 und 2023 für 47 Prozent des gesamten Produktivitätswachstums dieser Stichprobe gesorgt.

29 Unternehmen.

Ich finde es aber vor allem erschreckend.

Denn Produktivität ist am Ende eine der wichtigsten Grundlagen unseres Wohlstands. Wenn wir pro Arbeitsstunde mehr Wert schaffen, können Unternehmen höhere Löhne zahlen, investieren, international wettbewerbsfähig bleiben und Gewinne erwirtschaften.

Gerade für Deutschland wird das immer wichtiger. Unsere Gesellschaft altert, die Zahl der Erwerbstätigen kann nicht beliebig wachsen. Wenn weniger Menschen arbeiten, müssen wir mit der vorhandenen Arbeit produktiver werden.

Und genau da haben wir ein Problem.

Die breite Masse kommt kaum voran

McKinseys Analyse zeigt nämlich nicht nur, wie stark diese 29 Unternehmen sind. Sie zeigt vor allem, wie wenig sich beim Rest bewegt.

In der Breite der untersuchten deutschen Wirtschaft hat die Produktivität zwischen 2019 und 2023 kaum zugelegt. Bereinigt um Preiseffekte dürfte sich laut McKinsey ein erheblicher Teil der Unternehmen real sogar rückwärts bewegt haben.

Das finde ich wesentlich interessanter als die nächste Diskussion darüber, ob das deutsche Bruttoinlandsprodukt in einem Quartal um 0,1 Prozent wächst oder schrumpft.

Denn hier liegt möglicherweise eines unserer strukturellen Probleme.

Deutschland arbeitet viel, verwaltet viel, reguliert viel und diskutiert viel.

Aber wir schaffen es zu selten, aus einer Arbeitsstunde deutlich mehr Wert herauszuholen.

Was machen diese 29 Unternehmen anders?

Jetzt könnte man vermuten, dass es einfach die üblichen Verdächtigen sind: Software, Pharma, Hightech.

So einfach ist es aber nicht.

McKinsey findet die Produktivitätschampions in ganz unterschiedlichen Branchen – vom produzierenden Gewerbe über Medien bis zur Pharmaindustrie. Auch die Größe oder das Alter eines Unternehmens entscheidet offenbar nicht darüber, ob es dazugehört.

Der Unterschied liegt stärker in den Entscheidungen.

Die erfolgreichen Unternehmen haben ihre Portfolios konsequenter ausgerichtet, stärker in Innovation investiert, international skaliert und ihre Strukturen effizienter gemacht.

Das klingt zunächst nach typischem Beraterdeutsch.

Aber dahinter steckt ein ziemlich einfacher Gedanke:

Die Gewinner verändern ihr Unternehmen. Die anderen optimieren das, was sie schon haben.

Und genau das könnte für Deutschland zum Problem werden.

Wir verbessern die Vergangenheit, während andere die Zukunft bauen

Eine zweite Zahl aus der Studie finde ich fast noch bedenklicher.

Deutsche Unternehmen erzielen laut McKinsey gerade einmal 6 Prozent ihres Umsatzes in neuen Wachstumsfeldern.

Das ist weniger als ein Drittel des Anteils chinesischer Wettbewerber.

Natürlich kann man darüber diskutieren, was genau als neues Wachstumsfeld definiert wird. Aber die Größenordnung zeigt, worum es geht.

Wir sind hervorragend darin, bestehende Produkte noch ein bisschen besser zu machen.

Noch effizienterer Dieselmotor. Noch präzisere Maschine. Noch besserer Produktionsprozess.

Das hat Deutschland jahrzehntelang reich gemacht.

Die Frage ist nur: Reicht das auch für die nächsten 20 Jahre?

Ich habe da meine Zweifel.

Und dann kommt KI

Jetzt wird die Sache für mich als Anleger richtig spannend.

McKinsey bezeichnet KI nicht einfach als ein weiteres Werkzeug zur Effizienzsteigerung. Unternehmen sollten KI vielmehr als eine Art neues Betriebssystem begreifen.

Das halte ich für einen wichtigen Punkt.

Wir diskutieren bei künstlicher Intelligenz häufig darüber, ob ChatGPT eine bessere E-Mail schreibt oder eine Präsentation schneller erstellt.

Das ist nett.

Aber wenn KI wirklich einen großen Produktivitätssprung auslöst, passiert etwas völlig anderes.

Dann werden ganze Prozesse neu gebaut.

Ein Unternehmen braucht für bestimmte Aufgaben vielleicht nicht mehr zehn Mitarbeiter, sondern drei Mitarbeiter plus KI. Softwareentwicklung wird schneller. Kundenservice wird automatisiert. Verwaltung schrumpft. Entscheidungen werden datengetriebener. Forschung und Entwicklung können beschleunigt werden.

Dann reden wir nicht über fünf Minuten Zeitersparnis bei einer E-Mail.

Dann reden wir über Wertschöpfung pro Mitarbeiter.

Und genau deshalb könnte KI für Deutschland eine riesige Chance sein.

Aber Technologie allein rettet uns nicht

Es wäre allerdings zu einfach, unsere Produktivitätsschwäche allein den Unternehmen anzulasten.

McKinsey nennt drei Voraussetzungen, bei denen Deutschland international erheblichen Nachholbedarf habe:

wachstumsfreundliche Regulierung, einen flexibleren Arbeitsmarkt und wettbewerbsfähige Energiepreise.

Das überrascht vermutlich niemanden, der mit Unternehmern spricht.

Wenn eine Investition in Deutschland deutlich teurer ist als an einem konkurrierenden Standort, darf man sich nicht wundern, wenn Unternehmen irgendwann woanders investieren.

Noch alarmierender finde ich deshalb eine weitere Zahl aus der McKinsey-Untersuchung: Die Nettoinvestitionen in Deutschland sind seit 2019 nahezu zum Erliegen gekommen. Die Quote sank demnach von rund 2 Prozent des BIP auf nur noch 0,2 Prozent im Jahr 2024.

Das ist auf Dauer keine gute Grundlage für steigenden Wohlstand.

Was bedeutet das für uns Anleger?

Hier wird die Studie für mich besonders interessant.

An der Börse kaufe ich nicht „die deutsche Wirtschaft“.

Ich kaufe einzelne Unternehmen.

Und wenn tatsächlich eine kleine Minderheit der Unternehmen einen überproportional großen Teil des Produktivitätsfortschritts erzeugt, dann zeigt das auch, wie unterschiedlich Unternehmen langfristig Wert schaffen können.

Das erklärt für mich einen Teil der Faszination der Börse.

Ein hervorragendes Unternehmen kann über Jahre Marktanteile gewinnen, effizienter werden, neue Produkte entwickeln und seine Gewinne steigern, während andere Unternehmen derselben Volkswirtschaft stagnieren.

Natürlich weiß niemand vorher sicher, wer zu den Gewinnern der nächsten zehn oder zwanzig Jahre gehört.

Genau deshalb bleibt für mich ein breit gestreuter ETF die Basis.

Aber bei Einzelaktien interessiert mich immer stärker eine Frage:

Steigert dieses Unternehmen dauerhaft seine Produktivität – oder verwaltet es nur seinen bisherigen Erfolg?

Gerade im Zeitalter von KI dürfte diese Frage noch wichtiger werden.

Deutschland fehlt nicht das Können

Was mir an der Studie gefällt: Sie liefert keine einfache Untergangsgeschichte über Deutschland.

Die 29 Produktivitätschampions beweisen schließlich das Gegenteil.

Deutschland kann Innovation.

Deutschland kann Weltmarkt.

Deutschland kann Skalierung.

Deutschland kann hochproduktive Unternehmen hervorbringen.

Das Problem ist nur: Es passiert nicht breit genug.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche wirtschaftspolitische Aufgabe der nächsten Jahre.

Nicht immer mehr Geld innerhalb einer stagnierenden Wirtschaft zu verteilen.

Sondern dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft wieder produktiver wird.

Denn langfristig können wir nur verteilen, was vorher erwirtschaftet wurde.

Mein Fazit

Die Zahl 0,2 Prozent bleibt bei mir hängen.

29 von 16.200 untersuchten Unternehmen stehen für 47 Prozent des Produktivitätswachstums.

Man kann darin ein Problem sehen.

Ich sehe darin auch eine Chance.

Denn offenbar braucht es keine komplett neue deutsche Wirtschaft. Es gibt Unternehmen, die zeigen, dass Wachstum, Innovation und Produktivitätssteigerungen auch unter den heutigen Bedingungen möglich sind.

Wir brauchen nur deutlich mehr davon.

Für die Politik bedeutet das aus meiner Sicht: weniger darüber nachdenken, wie vorhandener Wohlstand verteilt wird, und mehr darüber, wie neuer Wohlstand entstehen kann.

Für Unternehmen bedeutet es: KI, Innovation und Transformation nicht als Modewörter behandeln.

Und für mich als Anleger bedeutet es einmal mehr:

Am Ende möchte ich mein Kapital dort investiert haben, wo aus Arbeit, Technologie und Kapital immer mehr Wert entsteht.

Denn genau dort entsteht langfristig Wohlstand.

Wie seht ihr das? Hat Deutschland vor allem ein Produktivitätsproblem? Und welche deutschen Unternehmen gehören für euch zu denen, die in den kommenden zehn Jahren wirklich neuen Wohlstand schaffen können? Schreibt mir eure Meinung in die Kommentare.


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