September 20

Ist Deutschland wirklich am Ende?

Ich bin bei der deutschen Wirtschaft inzwischen wirklich hin- und hergerissen.

Auf der einen Seite lese ich fast täglich schlechte Nachrichten: Stellenabbau in der Industrie, Probleme bei Autoherstellern und Zulieferern, hohe Energiepreise, Bürokratie und Investitionen, die lieber im Ausland stattfinden. 2025 sank die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe bereits das dritte Jahr in Folge.

Auf der anderen Seite schaue ich auf die nackten Zahlen und denke mir: Ganz so kaputt, wie Deutschland manchmal geredet wird, kann dieses Land eigentlich nicht sein.

Denn Deutschland gehört noch immer zu den größten und wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt.

Wir sind immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt

Schaut man auf das nominale Bruttoinlandsprodukt, ist Deutschland weiterhin eine wirtschaftliche Großmacht.

Die Zahlen in der Übersicht, über die ich gestolpert bin, sehen so aus:

Platz Land BIP Wachstum BIP pro Kopf
1 USA 32,38 Bio. US$ 2,32 % 94.430 US$
2 China 20,85 Bio. US$ 4,41 % 14.874 US$
3 Deutschland 5,45 Bio. US$ 0,79 % 65.303 US$
4 Japan 4,38 Bio. US$ 0,72 % 35.703 US$
5 Vereinigtes Königreich 4,26 Bio. US$ 0,80 % 61.056 US$
6 Indien 4,15 Bio. US$ 6,48 % 2.813 US$
7 Frankreich 3,60 Bio. US$ 0,86 % 52.083 US$
8 Italien 2,74 Bio. US$ 0,52 % 46.505 US$
9 Russland 2,66 Bio. US$ 1,09 % 18.525 US$
10 Brasilien 2,64 Bio. US$ 1,91 % 12.313 US$

Quelle: BIP nach Ländern, Prognose 2026, https://www.worldometers.info/de/bip/bip-pro-land/

Diese Tabelle relativiert für mich zumindest einen Teil der deutschen Untergangsstimmung.

Deutschland liegt beim nominalen BIP weiterhin auf Platz drei – vor Japan, Großbritannien, Indien und Frankreich. Und auch beim BIP pro Kopf sieht man, auf welch hohem Wohlstandsniveau wir uns trotz aller Probleme noch bewegen.

Deutschland ist also kein armes Land.

Wir verfügen über Weltkonzerne, einen starken Mittelstand, hervorragend ausgebildete Fachkräfte, Universitäten, Patente, Maschinen, Fabriken und über Jahrzehnte aufgebautes Know-how.

Diese Substanz verschwindet nicht innerhalb von zwei oder drei schlechten Jahren.

Und genau deshalb tue ich mich mit der permanenten Untergangsstimmung schwer.

Aber die Tabelle zeigt auch unser eigentliches Problem

Deutschland ist groß und reich – wächst aber kaum.

Das ist für mich der entscheidende Punkt.

In der obigen Übersicht wächst Indien mit 6,48 Prozent, China mit 4,41 Prozent und die USA mit 2,32 Prozent. Deutschland kommt lediglich auf 0,79 Prozent.

Natürlich kann man solche Wachstumsraten nicht einfach eins zu eins miteinander vergleichen. Ein Schwellenland wie Indien hat völlig andere Voraussetzungen als eine hoch entwickelte Volkswirtschaft wie Deutschland.

Aber die Richtung sollte uns trotzdem beschäftigen.

Wenn die USA über Jahre deutlich schneller wachsen als Deutschland, dann werden wir nicht plötzlich arm.

Wir fallen relativ zurück.

Und vielleicht beschreibt genau das unsere Situation am besten:

Deutschland hat aktuell kein Wohlstandsproblem. Deutschland hat ein Wohlstandssicherungsproblem.

Wir leben von einer enormen wirtschaftlichen Substanz. Die entscheidende Frage ist, ob wir genügend neue Substanz schaffen.

Besonders die Industrie macht mir Sorgen

Hier werde ich deutlich pessimistischer.

Deutschland war nie nur eine Dienstleistungsökonomie. Ein großer Teil unseres Wohlstands basiert auf einer außergewöhnlich starken industriellen Basis.

Autos, Maschinenbau, Chemie, Elektrotechnik – Made in Germany war über Jahrzehnte ein Geschäftsmodell.

Genau dort findet gerade ein schwieriger Strukturwandel statt.

2025 ging die industrielle Wertschöpfung erneut zurück. Besonders die Automobilindustrie und der Maschinenbau mussten Einbußen hinnehmen. Gleichzeitig belasten stärkere internationale Konkurrenz und schwierigere Bedingungen im Exportgeschäft die Unternehmen.

Und nahezu jeden Monat lesen wir von neuen Stellenstreichungen.

Wenn Tausende gut bezahlte Industriearbeitsplätze verschwinden, kann man das nicht einfach mit einem steigenden BIP wegdiskutieren.

Denn an diesen Arbeitsplätzen hängen Zulieferer, Handwerker, Dienstleister, Kommunen und Steuereinnahmen.

Ein verlorener Industriearbeitsplatz ist volkswirtschaftlich eben nicht automatisch dadurch ersetzt, dass irgendwo eine zusätzliche Stelle im öffentlichen Dienst entsteht.

Gleichzeitig wächst Deutschland wieder

Und hier beginnt mein Hin und Her.

Denn so eindeutig negativ ist die Lage eben auch nicht.

Im zweiten Quartal 2026 lag die reale Wirtschaftsleistung 1,0 Prozent über dem Vorjahresquartal. Noch interessanter: Die reale Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes stieg um 1,1 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt war das der erste Anstieg gegenüber dem Vorjahresquartal seit Anfang 2023.

Das passt nicht so richtig zur Erzählung vom unmittelbar bevorstehenden wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Allerdings lohnt sich auch hier der zweite Blick.

Der private Konsum lag nur geringfügig über dem Vorjahresniveau, während der Staatskonsum um 3,0 Prozent zulegte.

Und damit kommen wir zu einem Punkt, der mich zunehmend beschäftigt.

Kaufen wir uns einen Teil unseres Wachstums?

Der Staat gibt massiv Geld aus.

Das ist nicht automatisch schlecht.

Wenn Deutschland Milliarden in Straßen, Schienen, Digitalisierung, Energieinfrastruktur oder Verteidigung investiert, kann das langfristig sogar dringend notwendig sein. Gute öffentliche Investitionen erhöhen die Produktivität und können zusätzlich private Investitionen auslösen.

Problematisch wird es für mich, wenn steigende Staatsausgaben lediglich dafür sorgen, dass die BIP-Zahl besser aussieht, ohne unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dauerhaft zu erhöhen.

Die Bundesbank geht davon aus, dass der expansive fiskalische Kurs das Wachstum ab 2026 spürbar stützen wird. Zusätzliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur könnten das BIP-Wachstum bis 2028 kumuliert um rund 1,3 Prozentpunkte erhöhen.

Gleichzeitig betrug das Staatsdefizit allein im ersten Halbjahr 2026 bereits 71,3 Milliarden Euro. Die staatlichen Ausgaben stiegen gegenüber dem Vorjahreszeitraum deutlich stärker als die Einnahmen.

Das ist der Punkt, bei dem ich vorsichtig werde.

Denn ein Land kann seine Wirtschaft kurzfristig mit Schulden anschieben.

Es kann sich aber nicht dauerhaft reich leihen.

Entscheidend wird sein, was wir mit diesem Geld machen.

Wenn daraus bessere Infrastruktur, niedrigere Energiekosten und höhere Produktivität entstehen, kann sich die Verschuldung auszahlen.

Wenn das Geld überwiegend in zusätzlichen Konsum und immer größere staatliche Strukturen fließt, verschieben wir das Problem lediglich in die Zukunft.

Vielleicht sind beide Lager zu extrem

Die einen sagen:

Deutschland ist am Ende.

Das halte ich für übertrieben.

Die anderen sagen:

Wir sind immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, also ist doch alles in Ordnung.

Das halte ich für genauso gefährlich.

Deutschland ist ein sehr reiches Land mit enormer Substanz, starken Unternehmen und einer weiterhin leistungsfähigen Wirtschaft.

Aber wir zehren teilweise von dem, was Generationen vor uns aufgebaut haben.

Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht, welchen Platz Deutschland 2026 in irgendeiner BIP-Tabelle belegt.

Sondern:

Wo stehen wir 2035?

Vielleicht ist unser Wohlstand sogar Teil des Problems

Das klingt zunächst paradox.

Aber vielleicht ist Deutschland schlicht noch zu wohlhabend, um den notwendigen Veränderungsdruck wirklich zu spüren.

Die Fabriken stehen noch.

Die Einkommen sind noch hoch.

Die Steuereinnahmen fließen.

Die Sozialleistungen werden bezahlt.

Der Staat kann Milliarden mobilisieren.

Und Deutschland gehört weiterhin zu den reichsten Volkswirtschaften der Welt.

Dadurch können wir strukturelle Probleme sehr lange überdecken.

Ein wirklich armes Land muss reformieren.

Ein reiches Land kann Probleme über Jahre mit Geld kaschieren.

Nur eben nicht ewig.

Ich glaube nicht an den großen Crash

Das ist vielleicht der Punkt, an dem ich mich von vielen pessimistischen Kommentaren unterscheide.

Ich glaube nicht, dass Deutschland plötzlich wirtschaftlich zusammenbricht.

Dafür ist die vorhandene Substanz zu groß.

Meine Sorge ist eine andere.

Ich fürchte eher einen schleichenden relativen Abstieg.

Nicht minus zehn Prozent Wohlstand innerhalb eines Jahres.

Sondern jedes Jahr ein bisschen weniger Dynamik als die USA. Weniger Investitionen. Weniger neue Unternehmen. Einige Tausend Industriearbeitsplätze weniger. Etwas mehr Staat. Etwas höhere Abgaben. Etwas weniger Produktivität.

Ein einzelnes Jahr merkt man kaum.

Nach zehn oder fünfzehn Jahren sieht die Welt plötzlich völlig anders aus.

Mein Fazit

Ich bin deshalb bei Deutschlands wirtschaftlicher Zukunft tatsächlich hin- und hergerissen.

Kurzfristig bin ich optimistischer als viele Schlagzeilen. Langfristig bin ich skeptischer.

Wir sind immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Unser Wohlstandsniveau ist hoch. Wir verfügen über starke Unternehmen, einen leistungsfähigen Mittelstand, hervorragend ausgebildete Menschen und eine industrielle Basis, um die uns viele Länder beneiden.

Das ist die gute Nachricht.

Aber Substanz kann aufgezehrt werden.

Wenn Industriearbeitsplätze dauerhaft verschwinden, private Investitionen ausbleiben, die Produktivität kaum steigt und ein immer größerer Teil unseres Wachstums vom Staat finanziert wird, werden wir den Wohlstandsverlust möglicherweise erst bemerken, wenn er längst stattgefunden hat.

Deshalb ist für mich Platz drei beim BIP kein Grund zur Panik – aber eben auch kein Grund, sich zurückzulehnen.

Noch ist Deutschland reich.

Noch haben wir Substanz.

Noch können wir den Kurs ändern.

Die entscheidende Frage ist: Wie lange gilt dieses „noch“?

Wie seht ihr das?

Seid ihr optimistisch für Deutschlands wirtschaftliche Zukunft, weil wir immer noch über enorme Substanz, starke Unternehmen und ein hohes Wohlstandsniveau verfügen? Oder seid ihr pessimistisch, weil Industriearbeitsplätze verschwinden, Investitionen fehlen und andere Volkswirtschaften schneller wachsen?

Ich bin diesmal wirklich hin- und hergerissen.

Wo steht Deutschland eurer Meinung nach in zehn Jahren – wirtschaftlich stärker als heute oder auf dem Weg in einen schleichenden Wohlstandsverlust? Schreibt mir eure Meinung in die Kommentare.


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