Eigentlich wollte ich heute mal wieder über eine Aktie schreiben. Dann bin ich aber beim Interview von Elon Musk mit dem Economist hängen geblieben. Und eine Aussage fand ich so spannend, dass die Aktie warten muss:
„Work is going to be optional.“ Arbeit wird optional sein.
Im ersten Moment klingt das natürlich nach Elon Musk: maximal groß gedacht und vielleicht auch ein bisschen verrückt. Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto weniger absurd fand ich die These.
Musk glaubt, dass Künstliche Intelligenz irgendwann praktisch jede Arbeit besser erledigen kann als wir Menschen. Zunächst trifft das die Arbeit am Computer, später könnten humanoide Roboter einen großen Teil der körperlichen Arbeit übernehmen. Seine Vorstellung geht so weit, dass Arbeit irgendwann eine freiwillige Beschäftigung sein könnte. Er vergleicht das mit dem eigenen Gemüsebeet: Man kann Gemüse selbst anbauen, weil es Spaß macht. Zum Überleben notwendig ist es nicht, schließlich gibt es einen Supermarkt.
Ich weiß nicht, ob es so kommen wird. Aber als Anleger finde ich den Gedanken hochinteressant.
Zehn Jahre? Da bin ich skeptisch
Musk spricht über einen erstaunlich kurzen Zeitraum. In den kommenden zehn Jahren könnte sich seiner Meinung nach bereits sehr viel verändern.
Das halte ich für ambitioniert. Wirtschaft und Gesellschaft verändern sich meistens langsamer als die Technologie selbst. Unternehmen müssen investieren, Gesetze müssen angepasst werden, Maschinen müssen gebaut werden und Menschen müssen neue Technologien akzeptieren.
Trotzdem lohnt es sich, weniger auf die Jahreszahl und mehr auf die Richtung zu schauen.
Denn vor wenigen Jahren hätte ich vieles von dem, was KI heute kann, für Science-Fiction gehalten. Texte schreiben, programmieren, übersetzen, Bilder und Videos erzeugen, Daten analysieren, Verträge durchsuchen oder Kundenanfragen beantworten: Das alles funktioniert bereits heute erstaunlich gut.
Und die Entwicklung geht weiter.
Richtig interessant wird es für mich, wenn diese Intelligenz einen Körper bekommt. Wenn humanoide Roboter irgendwann zuverlässig in Fabriken, Lagern, Geschäften oder auf Baustellen arbeiten können, betrifft die Automatisierung eben nicht mehr nur den Menschen am Schreibtisch.
Dann reden wir über eine völlig andere Dimension.
Was passiert, wenn eine Maschine meinen Job besser macht?
Unser Wirtschaftssystem funktioniert heute im Grunde ziemlich einfach. Die meisten Menschen verkaufen ihre Arbeitskraft und bekommen dafür ein Gehalt. Davon bezahlen sie ihre Wohnung, Lebensmittel, Auto, Urlaub und hoffentlich auch ihre Altersvorsorge.
Aber nehmen wir Musks Gedanken einmal ernst.
Eine KI erledigt die Arbeit eines Sachbearbeiters. Ein Roboter übernimmt Aufgaben in der Fabrik. Autonome Fahrzeuge ersetzen irgendwann Fahrer. Programme schreiben selbst Programme.
Die Produkte verschwinden dadurch nicht. Im Gegenteil: Wenn Maschinen billiger und rund um die Uhr arbeiten können, könnte sogar erheblich mehr produziert werden.
Nur braucht man dafür möglicherweise deutlich weniger Menschen.
Und an dieser Stelle wird das Thema für mich als Anleger richtig spannend.
Wem gehören eigentlich die Maschinen?
Heute lebt die große Mehrheit der Menschen vor allem von ihrer Arbeitskraft. Vermögende Menschen haben dagegen eine zweite Einkommensquelle: ihr Kapital. Ihnen gehören Aktien, Unternehmen, Immobilien und andere produktive Vermögenswerte.
Dieser Unterschied könnte durch KI noch wichtiger werden.
Nehmen wir ein Unternehmen, das heute 10.000 Mitarbeiter beschäftigt. Vielleicht produziert es in 20 Jahren mit 3.000 Mitarbeitern genauso viel. Vielleicht mit 1.000. Keine Ahnung.
Aber wenn die Produktivität massiv steigt, stellt sich die Frage, wer davon profitiert.
Die Antwort dürfte zumindest teilweise lauten: die Eigentümer des Unternehmens.
Und Eigentümer sind bei einer Aktiengesellschaft die Aktionäre.
Das ist für mich ein interessanter Gedanke. Wenn Maschinen künftig einen immer größeren Teil unserer wirtschaftlichen Wertschöpfung übernehmen, möchte ich nicht ausschließlich meine eigene Arbeitskraft verkaufen. Ich möchte zumindest ein kleines Stück der Unternehmen besitzen, denen diese Maschinen gehören.
Noch ein Argument für Aktien und ETFs
Ich schreibe hier häufig über Aktien und ETFs. Meistens geht es dabei um Altersvorsorge, Dividenden, Rendite und den Zinseszinseffekt.
KI liefert für mich aber noch ein weiteres Argument für Kapitalbesitz.
Wer einen breit gestreuten ETF kauft, beteiligt sich an Hunderten oder Tausenden Unternehmen. Natürlich weiß heute niemand, welche davon die großen Gewinner der KI-Revolution sein werden. Genau deshalb gefällt mir die breite Streuung.
Vielleicht heißt der größte Gewinner Nvidia. Vielleicht Microsoft, Alphabet oder Amazon. Vielleicht Tesla mit seinen Robotern. Vielleicht entsteht das entscheidende Unternehmen erst in fünf Jahren und wir kennen seinen Namen noch gar nicht.
Ich muss das bei einem breit gestreuten ETF auch gar nicht genau wissen.
Ich beteilige mich einfach an einem großen Teil der Weltwirtschaft.
Sollte KI tatsächlich eine gewaltige Produktivitätssteigerung auslösen, möchte ich daran als Anleger beteiligt sein.
Wird dann wirklich niemand mehr arbeiten?
Hier bin ich skeptischer als Musk.
Menschen arbeiten schließlich nicht ausschließlich für Geld. Arbeit gibt Struktur, Anerkennung und soziale Kontakte. Manche Menschen lieben schlicht das, was sie tun.
Und selbst eine extrem leistungsfähige KI beseitigt nicht jede Knappheit.
Ein Grundstück mitten in München lässt sich nicht millionenfach kopieren. Eine Wohnung mit Blick auf den Starnberger See bleibt knapp. Rohstoffe sind nicht unbegrenzt vorhanden. Auch besondere Erlebnisse, menschliche Aufmerksamkeit oder Statusgüter werden ihren Wert behalten.
Deshalb glaube ich auch nicht daran, dass Geld irgendwann einfach bedeutungslos wird.
Was ich mir dagegen sehr gut vorstellen kann: Viele Produkte und Dienstleistungen werden durch KI erheblich günstiger.
Wenn ein Unternehmen für eine bestimmte Aufgabe heute zehn Mitarbeiter benötigt und künftig nur noch zwei Mitarbeiter plus KI, sinken die Kosten enorm. Das kann höhere Gewinne bedeuten, aber über Wettbewerb irgendwann auch niedrigere Preise.
Und dann könnte tatsächlich etwas passieren, das wir uns nach den Inflationsjahren kaum noch vorstellen können: In einzelnen Bereichen könnte technologischer Fortschritt einen starken deflationären Druck erzeugen.
Der Weg dahin könnte ziemlich ungemütlich werden
Das ist der Punkt, der bei den großen Zukunftsvisionen gerne untergeht.
Selbst wenn die Welt nach einer KI-Revolution wohlhabender wäre, bedeutet das nicht, dass der Übergang angenehm wird.
Was macht der 50-jährige Sachbearbeiter, wenn seine Tätigkeit weitgehend automatisiert wird? Was passiert mit Callcentern, Übersetzern oder Teilen der Softwareentwicklung? Und was geschieht später, wenn Robotik tatsächlich in größerem Stil körperliche Arbeit ersetzt?
Nicht jeder kann plötzlich KI-Entwickler werden.
Musk selbst sagt in dem Interview, dass der Übergang holprig werden dürfte. Gleichzeitig spricht er von einem möglichen „Universal High Income“, also nicht nur einem Grundeinkommen, sondern einem hohen universellen Einkommen in einer Welt mit extrem hoher Produktivität.
Da wird es für mich allerdings sehr spekulativ.
Denn dieser Wohlstand muss zunächst einmal erwirtschaftet werden. Danach stellt sich die noch schwierigere politische Frage, wie die Produktivitätsgewinne verteilt werden.
Das dürfte nicht ganz so einfach werden, wie es in einer Zukunftsvision klingt.
Ich glaube nicht an das Ende der Arbeit
Zumindest noch nicht.
Ich glaube aber inzwischen, dass wir unterschätzen könnten, wie stark KI den Wert bestimmter Tätigkeiten verändert.
Vielleicht arbeiten wir in 20 Jahren weiterhin. Aber möglicherweise nur noch 30 Stunden. Vielleicht werden ganze Berufsgruppen kleiner. Vielleicht schafft ein einzelner Mitarbeiter mit KI das, wofür heute fünf Menschen gebraucht werden.
Und vielleicht wird Arbeit tatsächlich irgendwann weniger wichtig für unseren Lebensstandard.
Dann wäre Musk mit seiner These gar nicht so weit daneben.
Nicht unbedingt: Arbeit wird optional.
Vielleicht zunächst eher: Arbeit wird weniger notwendig.
Allein das wäre schon eine gewaltige Veränderung.
Was bedeutet das für mein Geld?
Für mich persönlich ist die Konsequenz ziemlich unspektakulär.
Ich möchte auch in Zukunft Aktien, ETFs, Immobilien und andere produktive Vermögenswerte besitzen.
Nicht, weil ich glaube, dass morgen Roboter die Weltherrschaft übernehmen.
Sondern weil ich nicht ausschließlich von meiner Arbeitskraft abhängig sein möchte.
Das war schon vor KI sinnvoll. Sollte Musk mit seiner Prognose auch nur teilweise recht behalten, könnte es noch wichtiger werden.
Vielleicht lautet eine der entscheidenden finanziellen Fragen in 20 oder 30 Jahren deshalb tatsächlich nicht mehr nur:
Was verdienst du?
Sondern auch:
Was besitzt du?
Ich weiß nicht, ob Musk recht hat. Und schon gar nicht glaube ich, dass wir in zehn Jahren alle morgens liegen bleiben können, während Roboter für uns arbeiten.
Aber nach diesem Interview halte ich die Vorstellung, dass Arbeit langfristig einen völlig anderen Stellenwert bekommt, nicht mehr für völlig verrückt.
Und als Anleger möchte ich dann lieber ein kleines Stück der Unternehmen besitzen, die von dieser Entwicklung profitieren, als nur dabei zuzuschauen.
Wie seht ihr das? Hat Elon Musk recht und Arbeit wird irgendwann tatsächlich optional? Oder ist das eine völlig überzogene Zukunftsvision? Schreibt es mir in die Kommentare.
